Textversion

Sie sind hier: 

>> Aikido  >> Gedanken  >> Warum ich den Aikikai Deutschland verlassen habe 

  |  

Kontakt

  |  

Impressum

  |  

Sitemap

  |  

English Version

  |

Warum ich den Aikikai Deutschland verlassen habe

 

Nach meinem Abschied von Meister Asai in Regensburg kam folgende Anfrage:
Betreff: Hallo Wolfgang
Ich habe gehört du hast Aikikai Dtl verlassen? kannst du mirs erklären? Grüße Xyz

Meine Antwort am 22. 10. 2014
Hallo Xyz,
ja, ich kann es Dir erklären. Ob es verständlich ist? Ich weiß es nicht.

Die kurze Variante:

Ich habe den Aikikai satt. Damit meine ich die Organisation, nicht die Mitglieder.
Ich bedauere es, mit den Menschen, die ich seit vielen Jahren schätze, nicht mehr so oft zusammen zu treffen und miteinander trainieren zu können.
Und ich bin SEHR froh, nicht mehr Teil der Organisation Aikikai Deutschland zu sein!

Die lange Variante:

Seit etwa 15 Jahren zweifele ich, ob der Aikikai die richtige Organisation für mich ist.
Meister Asai zeigt wunderbare Bewegungen, keine Frage.
Die Mitglieder des Aikikai sind tolle Menschen, mit denen ich gerne trainierte.
Die Organisation aber wurde für mich unerträglich.
Weder das Prüfungswesen noch der Lehrstoff auf den großen Lehrgängen spiegelt für mich einen erwachsenen Umgang mit Erwachsenen.
Und mit meinen 58 Lenzen fühle ich mich langsam schon wie ein Erwachsener.
Und wenn der Umgang mir nicht entspricht, dann gehe ich normalerweise. Dieses Mal bin ich allerdings erst nach langer Zeit gegangen.

Ich habe zwei Fragen lange geprüft:

1. Braucht der Aikikai mich.

Antwort: Nein. Ich bin eher ein Unruhestifter. Roland Hofmann muss mich als fordernd, ungeduldig erlebt haben. Ich habe ihm oft gesagt, was meiner Meinung nach im Aikikai geändert gehört. Ich habe einige Vorschläge gemacht. Ich habe meine Unzufriedenheit kundgetan.
Für diejenigen im Aikikai, die die "Werte erhalten" wollen, bin ich eher störend.
Für diejenigen, die Veränderung wollen, ... keine Ahnung. Gibt es die im Aikikai?
Ich bin sicher, es geht im Aikikai viel ruhiger ohne mich zu.

2. Brauche ich den Aikikai.

Antwort: Auch nein.

Aikido ist ein persönlicher Weg.

Jeder geht ihn, selbst wenn er auf einem Lehrgang ist, alleine.
Geübt wird mit Partner, gelernt wird innen, alleine.
Eine Organisation macht es leichter, ein Standardprogramm zu bilden, das, wenn man es durchläuft, ein grundsolides Wissen und Können vermittelt.
Dafür danke ich Meister Asai und dem Aikikai.
Die Prüfungsordnung bis zum 2. Dan ist hervorragend. Danach kommen nur noch Andeutungen, was gelernt werden könnte, die in den (angedeuteten? oberflächlichen? Ist da schon Mal jemand durchgefallen?) Prüfungen abgefragt werden.
Es gibt ein Wort, das mich beeindruckt:
„Die Kunst, in der der Schüler den Lehrer erreicht, stagniert.
Die Kunst, in der der Schüler den Lehrer nicht erreicht, verfällt.
Die Kunst, in der der Schüler den Lehrer übertrifft, blüht.“
Nicht von mir, keine Ahnung mehr, woher ich das habe. Aber ich finde es gut.
Und wie ist das mit Aikido?
Ich frage jedenfalls meine Aikido-Kinder immer wieder, ob sie besser werden wollen als ich.
Natürlich wollen sie das. Und ich bestätige sie darin, erkläre ihnen, dass ich mich freue, wenn sie besser werden als ich. Und dass es für mich als Lehrer nichts Schöneres geben kann, keinen größeren Erfolg, als den, dass mich meine Schüler übertreffen (was sicherlich nicht schwer ist!).

Ich verstehe Aikido als Weg der eigenen, meiner eigenen Entwicklung.

Vor etwa 12 Jahren habe ich, als ich Meister Asai vom Flughafen nach Rosenheim gefahren habe, gefragt: Meister Asai, manchmal weiß ich nicht, warum wir Aikido üben. Warum üben Sie Aikido?“
Er überlegte kurz und antwortete dann: „Ich übe Aikido, um ein besserer Mensch zu werden.“
Finde ich großartig. Will ich auch.
Und deshalb immer wieder Ikkyo Undo, dann Tai Sabaki, dann Shiho Nage Omote Waza als Solo-Übung, dann ... ???
Ich glaube, dass es möglich ist, dass jeder Mensch sich durch Aikido verbessern kann.
Auf seine eigene Art, nicht alle auf die gleiche Art. Was für mich gut ist, braucht für Dich nicht das richtige zu sein.
Eine Anleitung zur eigenen Arbeit, zur Arbeit an sich selbst, für sich selbst, zum sich selbst Erarbeiten eigener Formen und Inhalte, ... Das wäre toll, oder?
Man darf doch mal träumen!

Der Aikikai organisiert Lehrgänge

Roland Hofmann meinte in einem Gespräch vor zwei Jahren, er fände die Lehrgänge so toll, da kämen die Menschen zusammen zum Austausch, das wäre, was sich zu erhalten lohnt.
Unverändert? Die nächsten 20 Jahre das Gleiche?
Und immer wieder Ikkyo Undo, dann Tai Sabaki, dann Shiho Nage Omote Waza als Solo-Übung, dann ... ???
Lehrgänge bringen die verschiedenen, verteilten Gruppen zusammen, Austausch kann stattfinden. Findet der statt? Bei den „großen“ Lehrgängen wird ein seit Jahren gleichbleibendes Programm durchlaufen. Wenige „Perlen“ (damit meine ich die eingestreuten „seltenen“ Techniken, die Meister Asai zeigt, wenn er gut drauf ist) erfrischen den Unterricht.
Meist ist es so, dass alle wissen: Jetzt kommt Ikkyo Undo, dann Tai Sabaki, dann Shiho Nage Omote Waza als Solo-Übung, dann ...
Ein Vormittag Nikkyo, dann Irimi Nage oder Kote Gaeshi. Usw. usw.
Das ist nicht mehr sehr inspirierend für mich. Ich weiß nicht, wie es den Anderen geht.
Auf einem Lehrgang in Hamburg oder Bad Kissingen sind kaum noch Anfänger. Die meisten sind 2. Dan aufwärts. Finden die es alle gut, die gleichen Techniken immer wieder zu üben? In meinem Fall seit 36 Jahren?
Selbst auf dem Dan-Lehrgang oder auf einem Übungsleiterlehrgang werden vor allem immer die gleichen Formen geübt. Nein, es werden immer die gleichen Formen immer gleich geübt.
Ich denke, dass ich diese Formen ziemlich verinnerlicht habe und die nächsten Jahrzehnte daran üben kann, sie zu erforschen und für mich zu interpretieren.
Und: Es gibt noch mehr gute Aikidolehrer auf der Welt. Vielleicht fahre ich mal nicht 700 Kilometer oder mehr um das immer wieder gleiche Aikido im Aikikai zu üben sondern schaue, wo es in diesem Abstand noch andere Anregungen gibt. Jetzt habe ich ja mehr Zeit!

Der Aikikai organisiert seine Mitglieder

Ich kenne keine andere Verbandszeitung, die so schön ist wie die des Aikikai Deutschland. Tolles Layout, tolle Fotos.
Und der Inhalt? Na ja, alles, was so im Aikikai passiert, wird da berichtet. Ja, Mitgliederversammlungen, Kinderlehrgänge, Berichte von Reisen nach Japan oder Petersburg oder ...
Das ist alles recht interessant. Und wo finde ich Anregungen, die über den Aikikai Deutschland hinaus gehen? Die über die Nabelschau und Lobpreisungen des eigenen Verband, der eigenen Organisation hinausgehen? Es gibt immer wieder mal einen Beitrag, der wirklich etwas Anderes aufzeigen will. Vom Autor ist danach nicht mehr viel zu hören. Keine Reaktion, keine Leserbriefe, nichts mehr. Ich denke, da gibt es wenig Interesse, wenig Anteil an dem, was weiter führen könnte. Das, was bereits da ist, soll so bleiben.
Wer es mag, findet es so gut.

Der Aikikai hat eine Struktur

Oberflächlich betrachtet ist die Struktur des Aikikai Deutschland, die ja dem deutschen Vereinsrecht entsprechen muss, demokratisch.
In Wirklichkeit ist es ein Feudalsystem mit einem Oberhaupt und einigen treuen Vasallen, die vom Oberhaupt mit Pfründen und Privilegien bedacht werden. Und wer sich gut benimmt und die Struktur unterstützt, bekommt mehr.
Wer da nicht mitmacht, kann auf Graduierungen oder Prüfungsberechtigungen warten oder wird vor allen Anderen scharf kritisiert. (Warst Du damals in Karlsruhe dabei, als Meister Asai mich vor etwa 250 Menschen geschimpft hat, weil er meinen Artikel „Ukemi für Ältere“ so verstanden hatte, dass ich weniger Ukemi nehmen wollte. Dabei hatte ich nur angeregt, dass wir uns ein anderes, altersgemäßes und gelenkschonendes Ukemi erarbeiten sollten. Schwamm drüber, das ist schon fast 10 Jahre her. Ich erinnere mich aber noch an andere Fälle, mit Anderen. Abweichungen werden nicht gerne gesehen.)
Ich habe über Jahre mich gefragt, wie der Aikikai seine Mitglieder fördert. In der oben erwähnten eigenen Entwicklung. Weißt Du es?
Das Fukushidoin-System muss ich nicht erwähnen. Oder? Wie war das in Bad Kissingen? Wie viele Prüfer und wie viele Prüflinge? Stimmt da noch irgend etwas?
Gemäß den Prüfungskriterien des Hombu-Dojo, das ja eigentlich das Zentrum des Aikido sein soll, kann jeder Danträger ab 3. Dan Grade unter seinem eigenen Grad verleihen bzw. prüfen. Ohne besondere Ausbildung. Einfach so. Ohne für einige Jahre „vorsingen“ zu müssen (in meinem Fall 16 Jahre Prüfungsberechtigung zum 4. Kyu. War ich zu geduldig?)
Und die Regeln, was man tun muss, um eine höhere Prüfungsberechtigung zu erlangen, musste ich bei Meister Asai selbst erfragen. Ostern 2013 in Hamburg. Das wurde nirgends erwähnt und steht auch nirgends. Und, ich kann genau diese Bedingung nicht erfüllen. Daher hatte ich bereits Ostern 2014 in Hamburg meine Prüfungsberechtigung zurück gegeben.
Insgesamt glaube ich, dass die Organisation des Aikikai mehr sich selbst dient als den Mitgliedern.
Weit und breit sind keine personellen Alternativen in Sicht. (Die Funktionäre müssen aber gut sein, oder? Das sind bestimmt die besten Köpfe im Aikikai, oder?)
Und wenn Alternativen gesucht werden, werden sie vom Oberhaupt nicht akzeptiert. Und die Basis zieht den Schwanz ein und kuscht (siehe der Versuch den seligen Wolfgang Pagenburg als Mitglied des Ausschusses für Prüfung und Lehre für Bayern demokratisch zu wählen. Warst Du damals dabei? Ich schon. Ich hab damals auch nichts gesagt.)

Wie geht es jetzt weiter?

Es gibt prominente Beispiele (Krishnamurti, Meister Kono aus Japan), kluge Köpfe, viel klüger als ich, die sich klar gegen Organisationen und den Verbleib darin ausgesprochen haben. (Meister Kono hat Krishnamurti zitiert, als er seine Organisation aufgelöst hat, der wiederum die Theosophische Gesellschaft aufgelöst hat mit u. A. den Worten:„Die WAHRHEIT, die grenzenlos, unbedingt, unnahbar ist, auf welchem Pfad auch immer, kann nicht organisiert werden; auch sollte keine Organisation gebildet den, um Menschen auf einen besonderen Pfad zu führen oder zu nötigen.“
Ich bin kein Kono und kein Krishnamurti, aber recht haben sie!
Jedenfalls habe ich mich dagegen entschieden, einem Feudalsystem wie den Aikikai weiter anzugehören.
Ich bin daher die Strecke von Rosenheim nach Regensburg gefahren, um Meister Asai und Roland Hofmann dies persönlich zu sagen. Und dann bin ich wieder nach Hause gefahren.
Jetzt werde ich das Aikido, das ich mit Euch allen zusammen, von Meister Asai und von Euch allen, gelernt habe, in meinem eigenen Dojo so unterrichten, wie ich es will.
So, wie ich es eigentlich die letzten 22 Jahre erfolgreich gemacht habe.
Wir, das heißt meine Frau, meine beiden Söhne und ich leben seit 22 Jahren fast ausschließlich von Aikido (meine Frau ist Psychotherapeutin). Ich denke, das gibt es nicht so oft im Aikikai. Ganz verkehrt ist es wohl nicht, was ich da die letzten 22 Jahre gemacht habe.
So ein bisschen betriebswirtschaftlich denken ist gar nicht schlecht. Das erdet, das verbindet mit dem Umfeld, mit den Schülern, die Steuererklärung zeigt, ob es geklappt hat.
Daher kann ich nur sagen, es geht mir jetzt, ohne Aikikai nicht schlechter als vorher, eigentlich besser.
Ich bedaure es, dass wir uns nicht mehr so oft auf den Lehrgängen sehen werden. Aikido verbindet Menschen, das stimmt. Das ist aber auch unabhängig von Verbandszugehörigkeit oder so.

Wenn wir uns wieder sehen sollten, freue ich mich.

Liebe Grüße auch an Zxy und alle Anderen in Abcdefg, die sich an mich erinnern,

Wolfgang