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Ukemi für Ältere

 

Ukemi für Ältere?
2004 in "Aikido", Zeitschrift des Aikikai Deutschland veröffentlicht

Wer hat nicht schon auf den Lehrgängen die jungen, dynamischen Danträger (1., 2. und 3. Dan, seltener 4. Dan!) bewundert, die mit unbeschreiblicher Eleganz aus jedem noch so weiten Überland-Flug mit einer weichen Rückwärts- oder Vorwärtsrolle sanft auf dem Boden landen, die enorme kinetische Energie in einem flüssigen Bogen umkehren und sogleich wieder zum nächsten Angriff starten?

Schön, elegant, wohl koordiniert, gesund. All dies ist in den Bewegungen zu sehen. Großartig.

Vielleicht war ich auch mal (fast) so?

Ich frage mich aber auch (nach mehr als 25 Jahren Aikido), wo die vielen Mitstreiter, Mitübenden meiner Anfangszeit sind. Und wie die, die noch dabei sind, rollen bzw. sich bewegen können, kann ich ja manchmal auf den Lehrgängen sehen: Langsamer, nicht immer elegant, oft mit Bandagen und Ähnlichem versehen. Oder sie bewegen sich fast gar nicht mehr.

Aus mit elegantem Aikido, wegen einer Verletzung des Knies, des Handgelenks, des Ellenbogens, der Schulter.

Ich meine damit nicht unfallbedingte Verletzungen! Die sind nach meiner Erfahrung wirklich selten. Wir gehen ja im Aikikai-D sehr sanft miteinander um (meistens!).

Aber der Verschleiß! Und die Fehlbelastung! Oder der "Ich halte schon noch etwas mehr aus!"-Nikkyo , der dann über Jahre hinweg doch nicht mehr gesund ist! Und irgendwann meldet sich das Handgelenk, ist es nicht mehr so belastbar, Diagnose: "Arthritis", oder "Arthrose".

Oder die elegante Rolle, bei der der Fallende wie von Fäden nach oben gezogen aufsteht. Dass dabei die Gelenke, Menisken und Knorpel der Knie und der Schultern sehr häufig nicht gemäß "Gebrauchsanweisung des Herstellers" belastet werden, wird ignoriert, vergessen. Dabei wird aber jede Haftung ausgeschlossen!

Oder der Aikikai-Deutschland-Irimi-Nage, bei dem auf dem vorderen Knie eine sehr hohe Belastung entstehen kann.

Natürlich nicht, wenn man es richtig macht!

Sobald aber eine leichte Instabilität des Knies, eine leichte Fehlhaltung die Winkel verändern, wächst die Belastung leicht über die Belastungsgrenzen. Zu Beginn meiner Aikido-Übungszeit hatte ich das, gerade mit Irimi-Nage, selbst erlebt! Zum Glück gab mir ein (anderer! Nicht Aikido-) Lehrer den Hinweis, dass ich meine Gelenke, Hüfte, Knie und Fußgelenk, genau in einer Linie halten sollte, auch bei der Drehung der Hüfte. Nach einigen Wochen Selbst-Bewegungs-Disziplin war dann alles wieder O.K. Auch jetzt, nach bald 23 Jahren geht es noch! Wenn ich aber in meiner Aufmerksamkeit nachlasse, dann merke ich das sofort!

Ich sehe gerne das elegante Ukemi der Jungen. Inzwischen ohne Neid! Voll Freude an der Eleganz und Geschmeidigkeit, die da gezeigt wird.

Aber ich bin gerade dabei, nach mehr als 25 Jahren Aikido, mehr als meiner halben Lebenszeit also (ich bin bald 48 Jahre alt!), mir mein Ukemi und meine Bewegungen allgemein so anzupassen, dass ich (hoffentlich!) auch noch weitere 25 Jahre Aikido üben kann.

Das Vorbild von O-Sensei, wie man es auf einem sehr späten Video sehen kann, als über 80-jähriger beim Unterrichten eines etwa 10-jährigen Jungen ein einfaches Ukemi nehmen zu können, finde ich äußerst erstrebenswert!

Ich möchte ein Aikido für mich herausfinden, das mich gesund hält und es mir erlaubt, noch lange zu lernen und zu üben.

Ukemi heißt, so habe ich verstanden, "annehmen". Annehmen der Energie, des Wurfes von Nage.

Wenn ich das weiter interpretiere, heißt "Ukem", "Annehmen" auch, dass ich mich voll Vertrauen hingebe, trotz des "Rückschlages" des "Angriffes", den ich geliefert hatte, elastisch und ohne (innere und äußere) Verhärtung mich auf einen grundsätzlichen Richtungswechsel, auf etwas Unbekanntes einlasse, es mir erlaube, "auf den Kopf gestellt" zu werden.

Letztendlich möchte ich lernen, wie ich mit Aikido auch das allmähliche Versagen meines Körpers annehmen kann. Dabei wird die Eleganz und Sportlichkeit sicherlich auf der Strecke bleiben! Das "finale" Ukemi, das Altern, wird mich dann endgültig "werfen" und zu (oder auch in den!) Boden bringen!

Ich interessiere mich sehr für einen Austausch mit Anderen, die ebenfalls einen Weg für sich gefunden haben, ihr Aikido ihrem Körper (der zwar langsam, aber sicher doch auch älter wird!) anzupassen.

Auf dem letzten Danträger-Lehrgang im Oktober 2003 habe ich bereits Einige getroffen, die in der gleichen Richtung unterwegs sind wie ich. Meist notgedrungen, weil die Knie, die Schultern, die Adduktoren, der Knorpel oder sonst etwas nicht mehr so mitmachen wie früher.

Ich selbst war mit einer Handgelenksbandage auf der Matte. Das führte schnell zu einem Gespräch über Verletzungen, Trainingseinschränkungen und so weiter.

Bei mir geht sonst im Aikido alles noch so la la.

Ich möchte aber gerne von den Anderen, denen, die bereits ihren Weg erlitten und gefunden haben, lernen, wie ich mich schonend bewegen kann, ohne an Trainingsintensität zu verlieren. Bevor ich Ähnliches erleben muss.

Schnelles und weiches Ukemi, hartes aber richtiges Fallen, richtiger "Selbst"-Schutz, das kann mir da vielleicht helfen.

Nicht um weniger zu trainieren, sondern um mehr und aufmerksamer und vor allem, um "materialschonender" zu trainieren.

Dass meine Bewegungen nicht mehr so elegant und schwungvoll sind, wie früher (waren sie das denn überhaupt jemals?), dass mein Ukemi eher behäbig wirkt, das kränkt eventuell meine Eitelkeit.

Aber das kann ich schon aushalten! Wenn ich dafür nur länger und gesünder Aikido üben kann!