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Sollten die Prüfungen "einstudiert" werden?

 

Mai 2001

Während der Kyu-Prüfungen in Karlsruhe 2001 wurde von einem hochgraduierten Danträger, einem (Fuku-)Shidoin eine Bemerkung zu einer Prüfung (meiner Schülerin) gemacht, die ich für recht interessant (wichtig ?) für das gesamte Prüfungsverfahren im Aikikai halte:

"Die Prüfung hat den Anschein in mir erweckt, als sei sie einstudiert worden!"

In Gesprächen danach erklärte mir der Betreffenden, dass er

... die Bedeutung der Prüfungen im Aikikai so verstünde, dass der aktuelle Stand der Entwicklung des Prüflings während der Prüfung dargestellt werden solle.

Während des "normalen" Trainings lerne der Prüfling verschiedenste Wurf- und Hebel-Techniken gegen allerlei Angriffe, von denen ein kleiner Teil zu den Prüfungstechniken zählt. Dabei wird insgesamt Aikido geübt, gelernt. Der Aikido-Übende "reife" in seinem Aikido, mache insgesamt mit dem Üben Fortschritte.

Wenn nun die Prüfungstechniken über das "normale" Maß hinaus einstudiert würden, dann würde dies das Bild der Entwicklung verzerren und verfälschen. Der Prüfling würde "besser", "reifer" erscheinen als es (in der gesamten Breite seiner Aikido-Entwicklung) der Fall sei.

Dies verfehle aber den Zweck der Prüfung als eine Gelegenheit, den Stand des Prüflings festzustellen.

Soweit die Meinung des (Fuku-)Shidoin in Karlsruhe.

In der betreffenden Prüfung (meiner Schülerin) konnte der (Fuku-)Shidoin dies an der „immer gleichen Abfolge der Kaiten-Nages“ feststellen, so, wie er es sah, immer Uchi-Omote, Soto-Omote, dann Uchi-Ura, dann Soto-Ura-Kaiten-Nage. Na ja, meine Schülerin versicherte mir, dass sie eben diesen Ablauf nach der 2. Wiederholung, um keine Langeweile aufkommen zu lassen, variiert habe, aber immer erst 4 Omote, dann 4 Ura-Würfe gemacht habe. (Es war eine Prüfung zum 3. Kyu)

Ja, ich gebe zu, dass ich die anstehenden Prüfungen mit meinen Prüflingen einzeln durchgehe, dass wir den im Aikikai allgemein bekannten Ablauf durchgehen, dass ich darauf achte, dass die Prüfungstechniken, die in der Prüfungsordnung enthalten sind, bei meinen Prüflingen in der richtigen Form auf Zuruf verfügbar sind. Und ich finde das richtig, eine notwendige und angebrachte Förderung des einzelnen Aikido-Schüler.

Oft genug fragte mich Meister Asai während/nach den Prüfungen meiner Schüler: "Haben Sie das so gezeigt?", so dass ich mich immer wieder bei jedem Prüfling, in der Vorbereitung vergewissere, dass er/sie auch die Prüfungstechniken von den anderen Varianten und Variationen unterscheiden kann.

Ich persönlich gehöre noch der "glücklichen" Generation an, die sich niemals selbst für die Prüfungen anmelden musste. Ich konnte ganz entspannt zu den Lehrgängen gehen und warten, ob und wann ich geprüft würde, "Meister Asai wird schon wissen, wann ich gut genug dafür bin!"

Heute ist das anders. Wer eine Prüfung ablegen will, muss sich selbst entscheiden und seine Entscheidung durch die Anmeldung/Unterschrift festlegen. Zusätzlich muss er seinen Übungsleiter zu einer Unterschrift bewegen bzw. muss dieser mit seiner Unterschrift einen Teil der Verantwortung mittragen.

Da ist viel mehr Raum für eigenes Wollen, Entscheiden, Einsetzen und Streben. Und auch mehr Raum für eigenen Ehrgeiz, Irrtum, Fehler und Blamage. Oder die des Übungsleiters.

Als Übungsleiter fühle ich mich für meine Schüler und für mein Dojo verantwortlich. Daher möchte ich "meine" Prüflinge vorbereitet wissen, so gut es geht.

Andererseits besteht das Aikido, so wie ich es verstehe und in unserem Dojo üben möchte, bei weitem nicht nur aus den Prüfungstechniken, bietet es eine sehr breite Möglichkeit sich zu üben und fortzuschreiten, sowohl sportlich und technisch in der Kampfkunst Aikido als auch persönlich, als Mensch, sowohl in der Übungsgruppe mit den persönlichen Begegnungen als auch im Aikido als DO-Disziplin ganz individuell zu "reifen", zu wachsen.

Was davon wird nun in einer öffentlichen Prüfung, der sich ein Prüfling zum Beispiel in Karlsruhe oder an anderen Orten unterziehen konnte, wirklich geprüft?

So wie ich in den vergangenen 22 Jahren Aikido-Praxis die Prüfungen erlebt habe, bei mir und bei Anderen, sind diese Prüfungen größtenteils die öffentliche Anerkennung eines erreichten Standes des technischen Könnens.

Der Prüfling wird mehr oder weniger wohlwollend auf seinem aktuellen Stand bestätigt. In (zum Glück) recht seltenen Fällen verfehlt der Prüfling das Ziel, diese Darstellung und muss mit einer manchmal genauen Beschreibung seines Fehlers zurück ins Training, um dann nach einiger Zeit wieder antreten zu können. (Mein Vorschlag an alle Fukushidoin: Gebt den Prüflingen, die Ihr geprüft habt, nach der Prüfung ausführliche Kritik, damit sie wissen, wo sie arbeiten können.)

Immer wieder gibt es für mich oder auch andere Zuschauer Überraschungen, wenn jemand, der "den allgemeinen Standard" in einer bestimmten Kyu-Prüfung eindeutig nicht erreicht, doch bestanden hat. Seit ich als Fukushidoin Meister Asai dazu genauer befragen kann, ist mir, klar, dass mehr als nur die Techniken und ihre Ausführung zur Bewertung hinzugezogen werden. Alter, Zeitdauer seit der letzten Prüfung, und anderes wird von Meister Asai mit berücksichtigt.

Ich habe es auch erlebt, dass Prüflinge, deren Prüfung nach meiner (begrenzten) Ansicht "dem Standard" genügt hätten, recht harsch kritisiert wurden. Und auch ihre Übungsleiter.

Wie schwierig es ist, zu prüfen, erlebe ich als Fukushidoin immer wieder, sowohl im eigenen Dojo als auch auf Lehrgängen unter der Aufsicht von Meister Asai.

Noch länger kenne ich die Schwierigkeiten, meine Aikido-Schüler auf ihre jeweilige Prüfung vorzubereiten.

Die technische Prüfung ist geregelt. Das ist in der Prüfungsordnung, wenn auch nur sehr knapp dargestellt. Dazu kommen noch die (wenigen) Erläuterungen, die Meister Asai auf den Übungsleiter-Lehrgängen und in den (Fuku-)Shidoin-Runden gibt. Von daher wissen die meisten Übungsleiter und auch die Prüflinge, was in der nächsten Prüfung technisch erwartet wird.

Daher ist es nach meiner Erfahrung üblich, dass der Prüfling in dem Zeitraum, bevor er sich eine Prüfung stellt, vor allem auf seine nächste Prüfung hin übt und trainiert.

Ich finde das auch gut so, denn nach meinen Überlegungen und nach meiner Erfahrung stellt die Prüfungsordnung des Aikikai Deutschland auch gleichzeitig eine Art "Lehrplan" für Aikido dar.

Das beginnt bei den Kinderprüfungen, wenn in der Prüfung zum 10. Kyu die Kinder sich zunächst einmal selbst anziehen und den eigenen Gürtel richtig binden könen müssen um dann in der Prüfung zum 9. Kyu als "Sempai", als "Fortgeschrittenerer" einem Anderen den Gürtel binden können sollen. (Wie viele Erwachsene stellen sich, wenn ein Anfänger sie bittet, den Gürtel zu binden, hinter ihn, um um den Bauch herumgreifen zu können? Wie beim Krawatte binden, oder?)

Bei den Erwachsenen beginnt die Prüfungsordnung sehr leicht, wenige Grundtechniken, nicht zu schnelle Angriffe oder Angriff aus dem Stand, sehr ähnliche, grundlegende Eingangsbewegungen, keine Variationen. Angriff und Technik dürfen noch langsam, aufeinander folgend sein.

Später dann wird auch das Timing bewertet, darf in den Prüfungstechniken der gezielte Angriff nicht mehr erfolgreich sein (zum Beispiel Kata Tori Ikkyo Omote Waza: die greifende Hand wird ergriffen, bevor sie die Schulter erreicht!). Noch später kommen dann Variationen dazu, werden Kondition und Durchhaltevermögen des Prüflings getestet (2. Kyu-Prüfung, Ikkyo Omote Waza gegen Shomen Uchi: "Schneller! Auf! Schneller! Nochmal! Suttt!"
Wir alle kennen das. Wobei mir nicht ganz klar ist, wer dabei mehr geprüft wird, der Prüfling oder sein Uke!)

Dann die erste "wirkliche" Prüfung, die Prüfung zum Ersten Dan! Sowohl in der Dauer als auch in der Vielfalt der Prüfungslinhalte unterscheidet sich diese Prüfung von allen vorher. (Und üblicherweise wurden die 1. Kyus ja bereits während des Lehrgangs auf ihre "Ukemi-Fähigkeiten" getestet: "Danträger, werfen Sie 30 Mal hart! Los!"

Und bei den Prüfungen zum 4. Dan, auch da kommt es mir so vor, als würde da der "Fortschritt" dieser nun wahrlich Fortgeschrittenen neu dargestellt, in einer neuen Art und Weise dargeboten. Ich war ganz fasziniert, wie in Karlsruhe die vier Prüflinge ihre individuelle Aikido-"Note" darstellten. Jeder unterschied sich deutlich von allen Anderen, bei allen konnte man den gemeinsamen Einfluß von Meister Asai und die individuellen Charaktere deutlich erkennen!

Für mich steht sicherlich fest, dass die Prüfungsordnung des Aikikai eine sinnvolle Einrichtung ist, dass sie wie ein Lehrplan den Fortschritt eines Schülers, der sie durchläuft, sowohl unterstützt als auch "dokumentiert".

Und mehr gibt es nicht?

Der Gedanke, der da in Karlsruhe an mich herangetragen wurde, beschäftigt mich jetzt sehr.
Die Prüfung soll also den "Reifegrad" eines Aikido-Übenden darstellen, feststellen. Und dies als "Ausschnitt" seines "gesamten" Aikido-Könnens.

Sowohl auf der technischen als auch auf der persönlichen Ebene? Ist Aikido mehr als nur eine technisch/sportliche Disziplin/Kampfkunst? Und wie kann festgestellt werden, dass der Prüfling in seiner persönlichen Entwicklung fortgeschritten ist? Wer kann dies beurteilen?

Was ist Aiki-DO, wenn nicht ein Übungsweg für den Menschen?

Wo bleibt das KI, wo kommt es her? Immerhin ist es der zentrale Begriff in unserem Ai-KI-Do.

Wie kann man "Aikido im täglichen Leben" üben? (Auch in unserem Verband? Ich weiss, das Buch wurde von dem Begründer eines "Konkurrenz-Verbandes" geschrieben. Es bietet auf jeden Fall wertvolle Anregungen!)

Wie steht Ihr in Eurer Übungsgruppe dazu? Was macht Ihr, veranstaltet Ihr, wie trainiert Ihr?

Wie bereitet Ihr Euch auf die Prüfungen vor? Oder bereitet Ihr Euch gar nicht auf die Prüfunge vor, bzw. seid Ihr "Allzeit bereit"?

Ich habe (bisher) keine Antworten auf die Fragen, die ich weiter oben geschrieben habe. Ich weiss auch noch nicht, ob ich wirklich Antworten ("Falsch!" vs. "Richtig!") suche. Was ich mir zunächst mal wünsche ist ein offener Austausch darüber, wer wo steht und welche Gedanke dazu hat. Ich denke, in einem so großen Verband wie dem Aikikai gibt es sicherlich (fast) alle Positionen, von "So’n Quatsch mit persönlichem Wachstum! Aikido ist, wenn’s kracht! Im Gelenk oder auf der Matte!" bis hin zu einer entgegengesetzten Position.

Wie könnte die wohl aussehen?

Daher schreibt doch bitte.