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Sauberkeit im Dojo

 

Das Verständnis eines Aikidoka über das Reinigen des Traditionellen Dojo

von David M. Valadez
(Übersetzungsversuch von W. Stamp)

März 2002

Vielleicht ist der wirkliche Wert und die Bedeutung der Reinigung des Dojo zu esoterisch um in irgendeiner kognitiv zugänglichen Form ausgedrückt zu werden. Wir alle können sagen „Die Reinigung des Dojo ist Teil unseres Trainings“, aber meist ist die tiefe Beziehung der Reinigung zum Aikido, mit dem wir unser Selbst schmieden, ebenso ein Mysterium wie das einfache Brechen des Gleichgewichts ohne Kraftaufwand im Irimi-Nage (Aikido-Wurf) oder das wahre Verständnis aller Kihon Waza (Grundtechniken) als Kokyu-Ho (Atemkraft-Technik).

Alles, was wir wirklich verstehen können, ist das, was wir subjektiv beobachten können: Diejenigen, die sorfältig reinigen, bewegen sich mit Sorgfalt; ihre Mitte scheint sich tiefer zu befinden als die unsere; sie atmen leichter, ohne Anstrengung; ihr Stand ist stärker; ihre Bewegungen präziser.

Die Do-Künste (Künste des Weges) überlassen solche Geheimnisse dem Verstreichen der Zeit - wie es auch sein sollte. Aber es gibt doch einige Dinge, die man hervorheben kann, wenn es um eine Diskussion über die Beziehung oder Verbindung geht, die das Training im Dojo und die Reinigung des Dojo betreffen.

Aber bereits wenn man über „Beziehung“ oder „Verbindung“ spricht, wird unterschieden zwischen diesen beiden Übungen und damit entsteht bereits ein grundlegender Irrtum. Vielleicht kann dieser Irrtum noch am genauesten einem kulturellen Unterschied zugeordnet werden. Was nicht bedeutet, dass die Situation ausweglos ist, denn durch Wahrnehmung können wir allmählich den Wert der unterschiedlichen Kulturen und Traditionen erkennen - und sie wahrnehmen als nicht nur befremdliche, mehr oder weniger nebensächliche Übungen ohne Grund. Dies ist der eigentliche Beweggrund für dieses Essay - Steigerung der Wahrnehmung.

In der modernen amerikanischen Kultur ist das Reinigen etwas, was notwendigerweise getan werden muss; etwas, für das wir lieber jemanden bezahlen würden - wenn wir könnten. Und selten spüren wir den Impuls, einen Platz zu reinigen, der nicht unser Eigentum ist (sicherlich nicht täglich). Aber in der traditionellen japanischen Gesellschaft spielte die Reinigung und allgemein die Hausarbeit eine zentrale Rolle bei der Kultivierung des Selbst. Die Kampfkünste, die ja der Kultivierung des Selbst dienen, haben im Angesicht der Moderne versucht, diese Art der Übung als Teil ihres Allgemeintrainings zu bewahren. Andere japanische Übungswege verfolgen auch dieses Ziel. Tatsächlich ist in der Hierarchie eines Zen-Klosters der, der auf der nächsten Stufe neben bzw. unter dem Abt steht, oft der Koch!

Die meisten dieser Übungen zur Kultivierung des Selbst gibt es bereits seit Alter Zeit und daher wäre es vermessen zu glauben, sie wären völlig nebensächlich - und dass es daher keinen Sinn gäbe, sie einzuführen.

Ich würde jetzt gerne einige praktische Aspekte der Reinigung diskutieren in der Hoffnung, die Wahrnehmung und das Verständnis für die Wichtigkeit der angemessenen Pflege des Dojo zu steigern. Sie sind weiter unten aufgeführt in einer Reihenfolge, rangierend von oberflächlicher zu weniger oberflächlich. Bitte erinnern Sie sich, dass der Hauptaspekt der Reinigung vielleicht ein Geheimnis ist, das sich erst mit der Zeit lösen läßt.

1. Am offensichtlichsten ist die fortgeführte Übung der zentrierten und absichtsvollen Bewegungen. Die Reinigung ist eine Zeit, in der wir mit all dem experimentieren können, was wir während der Übungsstunde gelernt haben - es ist eine der frühesten Brücken, die uns helfen können, unser Aikido-Training mit hinaus zu nehmen, ausserhalb der Begrenzungen der Dojo-Wände. Wir sollten uns fragen: „Bin ich immer noch aufmerksam?“, „Atme ich immer noch korrekt?“, „Lasse ich die Erdanziehung zu stark bestimmen, wie ich auftrete und wohin ich schreite?“, etc.

Diese Fragen, die an einen selbst gerichtet sind, haben alle zu tun mit den Aspekten der richtigen Haltung und des richtigen Atmens. Was gibt es denn noch im Aikido außer richtiger Haltung und richtigem Atmen? Wenn man die weite Definition von Atem und Haltung betrachtet, könnte man sagen, dass es im Aikido nicht viel mehr als richtige Haltung und richtiges Atmen gibt.

Eine berühmte Geschichte, in ihren vielen Abwandlungen, bietet uns eine andere Perspektive dieses Verständnisses: Ein berühmter japanischer Schwertmeister wurde von einem Regierungsbeamten zu einem Noh-Theaterspiel eingeladen. Die zentrale Rolle wurde von dem berühmtesten Noh-Schauspieler der damaligen Zeit gespielt. Nach der Vorstellung fragte der Regierungsbeamte den Schwertmeister nach einem Kommentar zu der Darstellung des berühmten Schauspielers. Der Schwertmeister antwortete, dass er keine einzige Öffnung während des gesamten Dramas gesehen hätte.

Durch diesen Kommentar betonte der Schwertmeister, wie sehr der Schauspieler die Kontrolle über jede Bewegung hatte, die er machte - wie seine Atmung und seine Haltung zu jeder Zeit korrekt war und wie aufmerksam sein Geist immer war. Der Schwertmeister beendete seinen Kommentar mit den Worten: „Sein Zanshin (aufmerksame und ausgeglichene Haltung, Verbindung mit der Umgebung) schlug nie fehl.“

Wenn wir diese unmittelbaren Folgerungen aus diesem Essay übertragen, können wir uns selbst Fragen stellen, die noch viel unmittelbarer in ihrer technischen Anwendung sind wie zum Beispiel: „Schrubben wir die Matte mit unseren Schultern?“; „Ist unsere Wirbelsäule gerade ausgerichtet während wir Staub wischen?“; etc. Unsere Körperwahrnehmung sollte nicht nur dann eine wichtige Rolle spielen, wenn wir Uke (Angreifer, Geworfener) oder Nage (Verteidiger, Werfender) sind. Können wir Seiza (Kniesitz) und Shikko (Kniegang) benutzen um die Matte zu schrubben statt uns auf allen Vieren mit unseren Schultern vorwärts zu stemmen? Können wir die Ähnlichkeiten sehen zwischen Staubsaugen, Fegen des Gehweges und Jo-Tsuki (Stock-Stich)? Und könnten wir nicht Ayumi-Ashi ((Gleitschritt) oder Shikko benutzen um den Besen über die Matte zu bewegen während des Fegens? Die offensichtliche Antwort auf all diese Fragen ist: „JA!“.

2. Die Reinigung des Dojos bietet eine Gelegenheit die sozialen Aspekte des Aikido aktuell zu üben. Für einige Menschen wirken die sozialen Lektionen, die O-Sensei (der Begründer des Aikido, Morihei Ueshiba) mit dieser äußerst faszinierenden Kunst einführen wollte auf einer Ebene, die man höchstens eine „metaphorische Ebene“ nennen kann. Wir hören Bemerkungen bezüglich der Argumente in den Büros wo zum Beispiel ein Aikidoka „mit dem Fluß gehen“, „die Kraft der Gegners benutzen“ oder „sich herausrollen“ soll. So interessant diese Geschichten sein können, Traditionelles Aikido sollte in der sozialen Erfahrung jenseits der Analogien funktionieren und die Reinigung des Dojo ist ein sehr guter Weg, die tägliche Praxis in die Aikido-Sozial-Philosophie zurückkehren zu lassen. Wenn wir reinigen, werden wir uns bewusst, wie unsere Anwesenheit auf unsere Umgebung und alle die, die uns umgeben, einwirkt. Tatsächlich, die Reinigung könnte definiert werden als ein Vorgang der Bewusstwerdung des Einflusses, den wir durch unsere einfache Anwesenheit verursachen. Wir bringen den Schmutz herein. Wir beseitigen den Schmutz. Wir lassen den Schmutz dort. Diese Bewusstmachung unserer Einwirkung auf eine größere Umgebung ist das Tor zur Sozialen Harmonie - zum Frieden auf Erden ...

Üblicherweise entlassen wir uns mit akademischen, theoretischen Bezeichnungen aus der Pflicht und benutzen das Wort „Mitgefühl“. Obwohl wir alle gemeinsam, gemeinschaftlich und miteinander das Dojo benutzen, teilen wir auch gemeinsam, gemeinschaftlich, miteinander seine Pflege? Wenn wir früher gehen und kaum geputzt haben, denken wir dann daran, wie sich unsere Kollegen/Mit-Übenden fühlen? Könnte es nicht sein, dass sie ebenso eine Familie haben, zu der sie heimkehren wollen und eventuell gibt es noch Arbeit für sie! Wenn wir früher gehen, verusachen wir nicht damit, dass sie länger bleiben müssen? Wie stark ist unser Mitgefühl mit den anderen, wenn wir uns routinemässig entscheiden, die Reinigung leicht zu nehmen und andere tun dies nicht? Wie können wir Mitgefühl lernen und üben, wenn es am meisten gebraucht wird, wenn wir nicht verstehen, wie sich unsere Übungs-Kollegen fühlen während sie arbeiten und wir gleichzeitig unsere Zeit müßig verschwatzen?

Reinigung ist die soziale Verantwortung aller Mitglieder und daher können wir diese kaum freiwillige Umgebung benutzen um in sicherer Umgebung dieses Mitgefühl füreinander zu kultivieren.

3. Ein sorgfältig gereinigtes Dojo ist ein Dojo, dessen kleinstes Details nicht der Aufmerksamkeit der Mitglieder entgeht. Daher lehrt uns die Reinigung wie man auf Kleinigkeiten achtet. Achtsamkeit für Details ist sehr wichtig für das Aikido-Training.
Wir trainieren nicht für das Mittelmaß - ob wir aus gesundheitlichen Gründen, zur Selbstverteidigung oder allgemein für Budo trainieren. Obwohl es recht arrogant wirken mag, können wir sagen, wir trainieren, wir üben bis zur Perfektion. Aber laßt uns „Perfektion“ definieren, bevor wir uns selbst als arrogant abstempeln ...
Perfektion ist keine Haltestelle. Es ist kein Platz, an dem man ankommt und Halt macht für einen Drink und etwas zu essen. Als ein Prozess enthält Perfektion immer noch den Geschmack des Unerreichbaren, aber diese Unerreichbarkeit macht Perfektion übbar und praktikabel für uns.

Erlaube mir eine Erklärung: Perfektion ist ein Prozess, ein Vorgang, aber was bestimmt diesen Prozess? Der Prozess, der Vorgang der Perfektion ist nichts anderes als die fortgesetzte Aufmerksamkeit für feinere und feinere Details - ad infinitum, ohne Ende.
Wir üben, denn es gibt immer noch etwas mehr zu lernen - noch etwas mehr zu sehen. Und während wir uns einlassen auf diese unendliche Absicht, wachsen wir in einer Art, die genauso kontinuierlich ist wie der Prozess selbst.

Wenn wir das erste Mal Katate-Tori-Ikkyo (Armhebel aus erster Angriffsposition) üben, sind wir vielleicht irgendeine Anzahl von Schritte nach vorne gegangen - völlig ohne die Anzahl oder Richtung zu beachten, weil alles, was wir sehen konnten, unsere Hand war. Und dabei haben wir natürlich vergessen, richtig zu atmen!
Aber mit der Zeit haben wir die dreieckförmige Eingangsbewegung erkannt, und die Hüfte-Hüfte-Beziehung und die Beziehung des Schwerpunktes von Uke und Nage. Nach noch mehr Zeit fühlen wir unser Schultern sinken, spüren wir die Ausdehnung, kommen wir dazu, die Schwertbewegungen zu sehen, und Kokyu-Ho, etc. - und so weiter, ohne Ende, ad infinitum. Und jeden Tag verändert sich der Ikkyo, wir sagen „verbessert sich“, weil wir mehr und mehr der Details des Ikkyo gewahr werden.

Wenn wir reinigen bieten wir uns selbst eine Gelegenheit, diese Wahrnehmung der Details zu Zeiten zu üben, wenn wir uns nicht mit Gedanken beschäftigen müssen wie „Wie werde ich jetzt aus dieser Höhe landen?“ Wir müssen nur atmen, die richtige Haltung einnehmen und vollständig aufmerksam werden - leichter gesagt als getan, oder?

4. Zum Schluss möchte ich noch versuchen, einige Wort zu finden, inwiefern das Reinigen in Beziehung steht zu unserem wirklichen Sein. Es ist möglich, dass ich bei dieser Aufgabe versage, denn ich spüre, dass dies eins dieser Geheimnisse ist, die dem Verstreichen der Zeit überlassen sind. Aber wenn der Leser diese Schlussworte als Hinweis im Hinterkopf behält, dann wird er/ wird sie irgendwann vielleicht verstehen, was ich jetzt (noch) nicht verständlich machen kann.

Wenn wir Reinigen, markieren wir das Dojo als besonderen Platz. In gelehrten Kreisen könnte man dies leicht als „Heiligen Ort“ bezeichnen, aber heutzutage wird die Öffentlichkeit leicht beunruhigt durch Worte wie „heilig“. So lasst mich diesen Begriff heutzutage definieren im Sinne von sozialen/historischen Studien. Wenn wir sagen, ein Ort ist „heilig“, dann sagen wir vor allem als erstes und wichtigstes, dass er nicht „profan“ ist - dass er nicht ein „gewöhnlicher Alltagsort“ ist.

Wir bemerken ebenso, dass der besagte Ort eine Art von physischer und/oder ideeller Orientierung für seine Mitglieder bietet.

Heutzutage nennen Gelehrte Kirchen „Heilige Räume“ und auch Regierungsbüros werden „Heiliger Raum“ genannt. Heute gibt es den „Heiligen Berg“ und den „geheiligten Regierungs-Hügel“. Die Ableitung des einen Raums aus dem anderen, des Heiligen vom Profanen, wird vorgenommen um einen Wert zur Verfügung zu stellen - zunächst für den betreffenden, gemeinten Platz und dann weiterhin für die Praktiken, Übungen und Ideen, die dort kultiviert werden.

Soweit es das Dojo betrifft markieren wir diese Begrenzungen durch kleine tägliche Handlungen. Wenn wir das Dojo betreten, bezeichnen wir die Außengrenze, indem wir uns verbeugen. (Ich bezweifle, dass wir diese Handlung an vielen anderen Türen vollziehen.) Durch das Verbeugen sagen wir: „Dieser Raum, den ich jetzt betreten will, ist nicht wie der Raum, in dem ich sonst existiere.“

Wenn wir außerdem unsere Schuhe ablegen sagen wir das selbe. Wir wechseln die Kleidung, unsere Sprache, unsere natürlichen Haltungen und Neigungen, und wir tun dies alles, um diesen Raum als besonders zu kennzeichnen - als wertvoll, als bedeutungsvoll. (Aber was hat das mit Reinigung zu tun, könntest Du jetzt fragen ...)

Wir tun dies, weil das, was wir in das Dojo tragen, wir letztendlich in uns selbst hineintragen.

Der Ort, an dem wir üben ist von außergewöhnlichem Wert, so daß wir etwas von außergewöhnlichem Wert üben und weil wir etwas von außergewöhnlichem Wert üben. Wir üben an einem Ort von außergewöhnlichem Wert, so daß von außergewöhnlichem Wert sind und weil wir von außergewöhnlichem Wert sind.

In einer nicht zu philosophischen Art und Weise können wir sagen, dass wir, wenn wir das Dojo mit Unreinheiten verlassen, wir auch Unreinheiten in uns selbst belassen.

Im zuvorstehenden kurzen Aufsatz habe ich versucht, dem Leser die physischen, sozialen, mentalen und spirituellen Aspekte der Reinigung eines Traditionellen Dojos aufzuzeigen. Ich habe dies auch getan, um zu versuchen, die Wahrnehmung anzuheben für die wichtige Rolle, die die Reinigung in der Aiki-Art uns selbst zu schmieden, spielt.

Mögen wir immer ein Dojo zu reinigen haben!